Heute überfluten uns Spiele in einem endlosen Strom. Bibliotheken platzen mit Hunderten Titeln, von denen die Hälfte nie gestartet wird. Vor dreißig Jahren war das anders. Jede neue Veröffentlichung war ein Ereignis. Empfehlungen kamen von Freunden, vom Händler um die Ecke oder einfach durch eine auffällige Packungsgrafik. Es gab keine Sicherheit, keine Metacritic-Scores, keine Influencer – nur Vertrauen und Neugier.
Damals tauchte man tiefer in die Vision des Entwicklers ein, ohne sich von Hype und Werbeslogans ablenken zu lassen. Rückblickend wird klar: Viele Meisterwerke von damals wären heute wohl chancenlos – zu sperrig, zu ungeschliffen, zu wenig „massentauglich“. Und doch: Genau diese Spiele haben unsere Leidenschaft für das Genre der rundenbasierten Strategie geprägt.
Defender of the Crown (1986)
Meine erste große Liebe. Eine Mischung aus Eroberungsstrategie, Ritterturnieren, Raubzügen und höfischen Intrigen – in Zeiten, als Spiele noch Pionierarbeit leisteten. Das Erobern von Burgen im mittelalterlichen England verband sich mit Minispielen, die den Charme der späten Achtziger ausstrahlten. Heute wirken die Mechaniken angestaubt, doch die Erinnerung bleibt lebendig.
X-COM: Terror from the Deep (1995)
Die Legende schlechthin. Während Freunde auf 8-Bit-Konsolen bunte Hüpfspiele spielten, kämpfte ich in düsteren Tiefsee-Basen gegen außerirdische Invasoren. X-COM definierte für mich den Begriff „Strategie“ neu: knallharte Entscheidungen, permadeath für Soldaten, Ressourcenmanagement unter Druck. Es war ein Spiel, das Respekt einflößte – und das man nie vergaß.
Heroes of Might and Magic II (1996)
Meine erste selbst gekaufte Originalversion. Schon die Verpackung auf dem Markt wirkte wie ein Tor in eine andere Welt. HOMM II verzauberte mit märchenhafter Grafik, Musik und einer Klarheit, die das damals aufkommende frühe 3D weit hinter sich ließ. Wochenlange Spielsessions mit Freunden entstanden, unzählige Male „nur noch eine Runde“.
Imperialism (1997)
Ein unterschätztes Juwel. Wirtschaftlich tiefgründig, komplex und voller Überraschungen. Ressourcen wurden zufällig verteilt, jede Partie bot neue Herausforderungen. Wer Kanonen wollte, musste Öl finden – sei es durch Diplomatie, Handel oder Eroberung. Es war im Grunde eine Alternative zu Civilization, nur fokussierter und härter.
Conquest of the New World (1996)
Während Civilization für mich immer etwas zu langsam war, fesselte Conquest mit seiner Mischung aus Kolonialpolitik, Stadtentwicklung und handfesten Schlachten. Das Spiel verband den Aufbau neuer Kolonien mit direkten Konflikten gegen indigene Stämme und konkurrierende Mächte – eine spannende Kombination aus Wirtschaft und Krieg.
Lords of the Realm II (1996)

Der Vorläufer von Total War. Auf der Karte verwaltete man Provinzen, im Kampf führte man Armeen in Echtzeit. Steuerpolitik, Nahrungsversorgung, Rohstoffe – alles hing zusammen. Wer zu viel Steuern erhob, verlor seine Bauern, wer zu wenig Waffen schmiedete, seine Burgen. Bis heute unvergesslich: die Pikeure auf der Brücke, flankiert von Bogenschützen.
Jagged Alliance 2 (1999)

Für mich der Inbegriff von Taktik mit Persönlichkeit. Eine Mischung aus Strategie und Rollenspiel, in der jeder Söldner Charakter hatte, mit Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen. Zum ersten Mal konnte man sich durch einen Fragebogen selbst als Spielfigur erschaffen – eine brillante Idee. Bis heute zähle ich JA2 zu den besten Spielen aller Zeiten: fesselnd, eigenwillig, voller Geschichten.
Schlussgedanke
„Früher waren Spiele besser“ – eine Phrase, die oft nostalgisch verklärt klingt. Vielleicht stimmt eher: Früher haben wir Spiele mit dem Herzen gewählt, heute wählen wir sie nach Algorithmen und Trends.
Damals gab es weniger Marketing, weniger Overhype, weniger Überproduktion. Doch es gab Entwickler mit Mut, Ideen mit Seele – und Spieler, die bereit waren, sich auf unvollkommene Meisterwerke einzulassen.
Wenn ich heute die alten Namen lese – X-COM, Heroes, Jagged Alliance – spüre ich sofort die gleiche Faszination. Nicht wegen der Grafik oder der Technik, sondern wegen der Erinnerung daran, wie sehr diese Spiele unsere Fantasie geprägt haben.